Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit
Hilfe inklusiv denken

Etwa eine Milliarde Menschen weltweit leben nach Schätzungen der WHO mit einer Behinderung. Grund genug, beim Engagement im Ausland das Thema Behinderung immer mit zu bedenken. Einblicke und Anregungen dazu gibt unser Expertengespräch, geführt von Michael Busch, Projektservice International.

In einer armen Region der Welt behindert zu sein – häufig hat das ganz andere Konsequenzen und Ursachen als bei uns. Oft führt gerade die Armut zur Behinderung und die Behinderung macht arm. Stefan Lorenzkowski koordiniert die Arbeit der Hilfsorganisation Handicap International im Maghreb. Den Zusammenhang von Armut und Behinderung macht er an einem einfachen Beispiel deutlich: „Ein leichter Autounfall ist für uns vielleicht ein Zwischenfall, den wir mit Hilfe eines funktionierenden Versicherungs- und Gesundheitssystems hoffentlich schnell überwinden. Ohne solche Rahmenbedingungen kann er jedoch schnell zu einer dauerhaften Behinderung führen.“

Häufig werden die Menschen auch schon ganz am Anfang ihres Lebens von Stefan Lorenzowski_Handicap Int
der Armut eingeholt. Mangel- oder Fehlernährung während der Schwangerschaft oder in den ersten Lebensjahren ist eine häufige Ursache von Behinderungen, deren Folgen die ganze Biographie prägen. Lorenzkowski: „In den Familien haben gesunde Kinder notgedrungen oft Vorrang, es kommt zum Ausschluss von Bildung und Arbeit, im Berufsleben sind behinderte Menschen dann oft gar nicht mehr sichtbar.“

Ernährung, Gesundheit, Bildung, Einkommen, Arbeitsschutz, aber auch etwa kriegerische Konflikte und Umwelt- oder Naturkatastrophen – weil all das zusammenhängt, kann man Harald Vollmar_EikosBehinderung nicht isoliert betrachten. Harald Kolmar, langjähriger Experte und Vorstand des Eikos e.V., erläutert, wie moderne Hilfeansätze aussehen: „Wir sprechen seit einigen Jahren von der community based rehabilitation. Dabei geht es darum, Unterstützung für behinderte Menschen in ihrem Umfeld, in den Familien und Gemeinden zu organisieren. Das kann etwa so aussehen, dass wir kleine Geldbeträge als Kredit für den Aufbau von Nachbarschaftsshops, Kiosken oder zur Lebensmittelverarbeitung geben, verbunden mit der Verpflichtung, die behinderten Familienmitglieder einzubeziehen. Solche Hilfen, die mit relativ geringen Mitteln auskommen, aber mit einer Veränderung des Bewusstseins und der Befähigung zu eigenen Lösungen einhergehen, haben sich als besonders wirksam erwiesen.“

Stefan Lorenzkowski bestätigt, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen heute komplexer geworden ist. „Wenn es etwa darum geht, eine Einkaufsstraße barrierefrei zu gestalten, dann kann man dafür kein fertiges Rezept präsentieren. Es kommt darauf an, mit den Ladenbesitzern, den Kommunalpolitikern, der Polizei und den Selbsthilfegruppen vor Ort zu sprechen und gemeinsam eine Lösung zu entwickeln.“ Kurze Projektlaufzeiten von zwei bis drei Jahren sind aus seiner Sicht wenig hilfreich. „Befriedigende Ergebnisse sehen vor allem diejenigen Geber, die sich dauerhaft engagieren, zum Beispiel indem sie eine Selbsthilfegruppe vor Ort langfristig als Partner unterstützen.“

Aber auch, wer gar nicht mit dem Ziel angetreten ist, Projekte im Bereich Behinderung zu fördern, kann viel für Menschen mit Behinderung tun. Denn gerade darum geht es häufig: Beim Engagement im Ausland immer auch die eine Milliarde Menschen mit Behinderung Gabriele Weigt_bezev
mitzudenken. Gabriele Weigt, Geschäftsführerin des Vereins Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.: „Viele Geber schreiben es sich auf ihre Fahnen, etwas für die „Ärmsten der Armen“ zu tun. Gerade dann ist es aber traurig, wenn manche Projekte im Ausland die Bedürfnisse von behinderten Menschen nicht einbeziehen und dadurch den Graben vielleicht sogar vertiefen. Wer seine Projektarbeit da einmal überprüfen möchte, der kann sich gerne zur Beratung an uns wenden.“

Alle drei Experten sind sich einig, dass die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung viel für das nötige „Mitdenken“ erreicht hat. Stefan Lorenzkowski verweist etwa auf das Beispiel Tunesiens, wo die neue Verfassung auf Menschen mit Behinderung eingeht. „Für die Zivilgesellschaft dort ist das ein starker Hebel und ein großer Auftrieb“. Gabriele Weigt ergänzt: „Heute hört man bei uns nicht mehr wie früher, dass es doch wahrlich „wichtigere“ Themen gäbe. Aber manchmal denkt man doch immer noch zu sehr in den Schablonen der eigenen Zielsetzung. Ich würde mich freuen, wenn so manche Organisation in Deutschland das Thema mehr an Bord nehmen würde.“

Eine Ermutigung kann dabei sein, dass gerade Deutschland für die Menschen mit Behinderung weltweit viel Gutes zu bieten hat. Harald Kolmar: „Wenn wir daran denken, lokale Ansätze von unserer Warte aus nicht abzuqualifizieren, dann können wir viel Positives beitragen.“ Dazu gehören etwa eine besonders reichhaltige Erfahrung in der dualen Ausbildung, in der Sonderpädagogik und in der frühkindlichen Förderung, eine Vielzahl von hochqualifizierten und engagierten Experten und nicht zuletzt – so Weigt – ein Ministerium, das es auch selber wirklich ernst meint mit einer inklusiven Entwicklungszusammenarbeit.

Kurz und Knapp:
• Armut und Behinderung sind multidimensional miteinander verbunden
• Nachhaltige Hilfe kann nicht isoliert sein und entwickelt Lösungen mit den Menschen vor Ort
• Jeder Geber sollte sein Engagement im Ausland auf Inklusion überprüfen
• In Deutschland gibt es viele Ressourcen für eine inklusive Entwicklungszusammenarbeit

Webseiten der Interviewpartner und ihrer Organisationen:
Gabriele Weigt, Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. www.bezev.de
Harald Kolmar, Eikos-global e.V., www.eikos-global.de
Stefan Lorenzkowski, handicap international, www.handicap-international.de

Weitere hilfreiche Links:
UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung, Aktionsplan des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Materialien der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Weltbericht Behinderung der WHO aus dem Jahr 2011
Deutsche Übersetzung

„Zukunft inklusive! Entwicklungszusammenarbeit mit und für Menschen mit Behinderungen gestalten“, Fachbuch der Christoffel Blindemission (CBM). Deutsch und Englisch zum download.

Handbuch von Handicap-International und CBM in Zusammenarbeit mit GIZ und BMZ zur Berücksichtigung von Behinderung in nationalen Armutsbekämpfungsstrategien.