Steuerung und Auswahl von Projekten in der Entwicklungshilfe

Die internationale Entwicklungszusammenarbeit ist sicherlich eines der schwierigsten Aufgabengebiete, denen sich eine Stiftung widmen kann. Schon allein die räumliche Distanz stellt eine Stiftung vor große Herausforderungen bei der Auswahl und Begleitung von Projekten. Dazu kommen sprachliche und kulturelle Barrieren und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Wirkungszusammenhänge vor Ort nicht nur fremd, sondern auch extrem komplex sind.

Tipps von Dr. Karsten Timmer

Konzentration
Die Rede von Förderungen „für Afrika“ verdeckt die Tatsache, dass es sich um einen riesigen Kontinent mit unterschiedlichsten Sprachen, Kulturen und Mentalitäten handelt. Der wichtigste Rat, der aus dieser Tatsache folgt, ist: Konzentrieren sie Ihre Förderungen auf ein Land, das Sie im Laufe der Zeit immer besser kennenlernen. Auf diese Weise können Sie gezielt Wissen und Netzwerke aufbauen, die Wirkung Ihrer Projekte erhöhen und gleichzeitig den Administrationsaufwand reduzieren.

Wenige Projekte langfristig fördern
Mit einem „Projekt-hopping“, das mal dieses und mal jenes Projekt fördert, tun Sie niemandem einen Gefallen. Konzentrieren Sie Ihre Förderungen lieber auf einige ausgewählte Projekte, mit denen Sie über einen langen Zeitraum zusammenarbeiten. Ganz abgesehen davon, dass Sie damit den laufenden Aufwand für die Auswahl neuer Partner reduzieren, geben Sie Ihren Partnern vor Ort damit eine wertvolle Planungssicherheit.

Do it yourself?
Eine Grundsatzentscheidung werden Sie ganz zu Beginn Ihrer Tätigkeit treffen müssen: Möchten Sie selbst vor Ort ein Projekt finden, fördern und begleiten oder wollen Sie lieber mit einer deutschen Hilfsorganisation zusammenarbeiten, deren Projekte Sie unterstützen? Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Eine unmittelbare Zusammenarbeit mit einer einheimischen Organisation in Afrika oder anderswo bietet Ihnen einen direkten Kontakt, unmittelbaren Zugang und große Gestaltungsfreiräume. Die Kehrseite ist allerdings, dass Sie eine Struktur vorhalten müssen, die es Ihnen erlaubt, gute Projekte zu finden und die Projektpartner kontinuierlich zu überwachen. Hier kommen mit den Kosten für Flüge und einheimische Wirtschaftsprüfer schnell erhebliche Kosten zusammen.

Bei der Zusammenarbeit mit einer etablierten Hilfsorganisation nutzen Sie deren Strukturen, Kompetenzen, Netzwerke und Partner. Der Verwaltungskostenanteil, den die Organisation dafür berechnen wird, bildet diese Kosten ab, die Ihnen andernfalls direkt entstehen würden. Sie werden auch keinen so unmittelbaren Bezug zu „Ihrem“ Projekt bekommen, dafür haben Sie aber die Chance, sich anteilig an größeren Projektzusammenhängen zu beteiligen, für die die Organisation bei anderen Spendern zusätzliche Mittel einwirbt.

Erfahrungswissen nutzen
Entwicklungszusammenarbeit ist ein komplexes Geschäft, in dem in Deutschland viele Experten tätig sind. Bei Hilfsorganisationen, Verbänden, Stiftungen oder in der Wissenschaft werden Sie zu praktisch allen Themen und Ländern kompetente Ansprechpartner finden, die Ihnen bei der Planung, Ausrichtung und Umsetzung Ihrer Aktivitäten gerne weiterhelfen werden. Nutzen Sie dieses Wissen und erfinden Sie das Rad nicht neu. Dafür sind Ihre Mittel, Ihr Einsatz und Ihre Zeit zu schade.

Vorsicht vor „weißen Elefanten“
Afrika steht voll von „weißen Elefanten“, also Brunnen, Staudämmen, Krankenhäusern, Waisenheimen etc., die mit internationaler Hilfe gebaut worden sind und heute brach liegen, weil es keine nachhaltige Unterstützung gibt, um die Strukturen zu unterhalten. Bevor Sie daher „in Steine“ investieren, prüfen Sie genau, ob der Betrieb langfristig sichergestellt werden kann – sei es durch Ihre Stiftung oder durch andere Zusagen.

Oft sind dezentrale Lösungen, die ohne ressoucrenfressende Infrastrukturen auskommen, ohnehin die bessere und nachhaltigere Lösung. Vor allem die bei Gebern nach wie vor beliebten Waisenheime stoßen an ihre Grenzen, wenn man sich klar macht, dass in vielen afrikanischen Ländern 10% der Kinder Waisen sind.

Partizipation
Lange Zeit war die Entwicklungszusammenarbeit von einer sehr paternalistischen Förderhaltung geprägt, die es nicht notwendig fand, die Bevölkerung vor Ort in die Planung und Durchführung einzubeziehen. Wer sonst aber weiß mehr über den Bedarf, über die Anliegen und die Möglichkeiten der Menschen vor Ort?

Die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in die Planung und Umsetzung des Projektes ist daher der mitunter langwierigere, mit Sicherheit aber nachhaltigere Weg der Projektarbeit, den Sie in jedem Fall gehen sollten.

Lohn- statt Sachmittel
Der Trend der Entwicklungszusammenarbeit geht zunehmend weg davon, den Leuten einfach etwas zu schenken (Stichwort „weiße Elefanten“). Auch Menschen, die in Armut leben, haben Potentiale und Wissen, die man mobilisieren kann, um nachhaltige Wirkungen zu erzeugen.

Für die Budgets von Förderprojekten bedeutet dies, dass der Anteil von Sachkosten systematisch zurückgeht zugunsten von Personalkosten der Sozialarbeiter etc., die den Menschen vor Ort helfen, ihre Probleme aus eigener Kraft zu lösen.

Ganzheitliche Projekte
Moderne Herausforderungen wie der Klimawandel und die Bekämpfung der absoluten Armut erfordern moderne Lösungen. „Eindimensionale“ Projekte, die sich nur einem Thema – also nur der Bildung, nur der Gesundheit, etc. – widmen, lassen alle anderen Lebensbereiche außer Acht und werden den komplexen Problemlagen der Menschen vor Ort nicht gerecht. Versuchen Sie daher, Projekte zu finden und zu fördern, die ganzheitliche Lösungen anbieten. Oft hilft es mehr, weniger Menschen richtig zu helfen, als vielen zu wenig zu geben.

Kindern helfen heißt Familien stärken
Kinder sind nach wie vor für viele Stiftungen die wichtigste Zielgruppe. Allerdings ist es oft wenig nachhaltig, die Förderung nur den Kindern zukommen zu lassen – unter den Verhältnissen absoluter Armut schaffen Stiftungen damit mitunter sogar einen Anreiz dafür, besonders benachteiligte Kinder zu „produzieren“.

Weit wirksamer ist es, Familien zu stärken, so dass sie selbst für ihre Kinder sorgen können. Stiftungen sollten daher den Trend vieler Kinderprojekte mitgehen, die ihren Fokus zunehmend darauf richten, Familien und Dorfgemeinschaften zu fördern.

Timmer
Dr. Karsten Timmer ist Geschäftsführer der panta rhei Stiftungsberatung, die vermögende Privatfamilien bei der Gestaltung ihrer gemeinnützigen Aktivitäten unterstützt. Er ist Stifterrat der Stiftung „Stifter für Stifter“ in München.

www.beratung-pantarhei.de